Projekt Unbeschwert – Episode 3

Projekt Unbeschwert – Episode 3

Bald wird sich mein Leben grundlegend verändern: (Wie) Sage ich es meinem Umfeld?

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

pünktlich zu Weihnachten, welches vermutlich viele von euch mit Freunden und Verwandten feiern, kommt hier – sozusagen „druckfrisch“ – mein Beitrag über die Frage ob und wie ich meiner Familie, meiner Arbeitsstelle und meinen Freunden von der OP erzählte. In den vergangenen Beiträgen habe ich euch ja bereits an der Entscheidungsfindung und den Voruntersuchungen teilhaben lassen. Nun war es aber auch an der Zeit, mein Umfeld darüber zu informieren, was ich vorhatte…

Die Frage, ob man es dem Umfeld sagt, dass man operiert wird, oder ob dies für jemanden zu persönlich ist, das kann nur jede/r für sich selbst beantworten. Ich kenne Menschen, da weiß von der OP nur der allerengste Familienkreis und sonst niemand. Zu groß ist die Sorge vor “Verurteilung”, übler Nachrede, … oder vielleicht will man so etwas Persönliches auch nicht preisgeben. Man weiß schließlich nicht, wie das Umfeld reagiert und ob das informierte Umfeld dann eher eine Last oder eine Stütze ist.

Für mich war sehr schnell klar, dass ich mit dem Thema offen umgehen werde. Ich bin ein kommunikativer Mensch und die OP würde so vieles in meinem Leben verändern, ich würde es nicht aushalten das alles für mich zu behalten. Zudem wäre es in Zukunft mit sehr viel “flunkern” verbunden, wenn ich nicht zumindest einige “Schlüsselpersonen” in mein Vorhaben einweihen würde.

Die Einladung zu einer Hochzeitsfeier in der Heimat kam gerade Recht, denn ich wollte meine Eltern gerne persönlich in meine Pläne einweihen. Und es war fast so, wie ich vermutet hatte: Meine Eltern haben mir lange zugehört und waren sich dann beide einig, dass der Schritt auf jeden Fall der Richtige ist, dass sie mich voll und ganz bei meinem Vorhaben unterstützen. Sie haben auch gleich angeboten während und nach der OP nach Wien zu kommen und für mich da zu sein und dafür war ich ihnen unendlich dankbar. Das Gefühl nach so einer OP dann nicht alleine zu sein ist sehr beruhigend. Auch meine Eltern stimmten mir zu, dass der Zeitpunkt nun der Richtige sei, das Umfeld stabil und das Risiko für Folgeschäden durch die Adipositas inzwischen so groß, dass diese auf jeden Fall schwerer wiegen als das Risiko der OP und lebenslange Einnahme von Supplementen. Mir hat es sehr, sehr gut getan zu wissen, dass meine Eltern hinter mir stehen und das war und ist mir sehr wichtig. Ihre Zustimmung hat meine Zweifel (die bis zur OP da waren) weiter minimiert und nun fühlte sich die Entscheidung noch besser an.

Meinen Bruder habe ich einen Tag später eingeweiht. Wir trafen uns in einem Cafe und das, was er mir gesagt hat, war zum einen Teil erschreckend, zum anderen Teil gut.
Mein Bruder war heilfroh, dass ich mich für eine OP entschieden hatte. Er meinte, er hätte ohnehin nach einer Möglichkeit gesucht, mit mir darüber zu sprechen. Denn er mache sich Sorgen, ich sei in dem Jahr ja bereits ein paar Mal krank gewesen und schon wegen der zukünftigen Gesundheit sei es zwingend notwendig rasch zu handeln. Mein Bruder arbeitet bei der Rettung und er meinte, dass viele seiner PatientInnen mit ähnlichem Gewicht wie ich nicht mehr so mobil sind und viel schlechter dran und dass ich deshalb schnell handeln solle.
Verwundert haben mich aber seine Erfahrungen, die er als mein Bruder gemacht hat. Er bekam immer mal wieder ungläubige Fragen von Leuten wie “Was, die ist deine Schwester?”. Auch Bekannte aus unserem Umfeld haben ihn schon angesprochen was denn mit mir los sei, ich sei doch so erfolgreich, aber warum würde ich nur so aussehen, wie ich aussehe? Diese Aussagen haben mich sehr nachdenklich und auch ein bisschen traurig gemacht. Es ist sehr schlimm, dass sich mein Bruder für mich rechtfertigen musste und mich teilweise auch verteidigen musste. Aber auch von ihm und auch von meinem zweiten Bruder habe ich volle Rückendeckung erhalten und fuhr gestärkt zurück nach Wien – mit der geballten Unterstützung der Familie.

Ich hatte mich auch auf der Arbeit dazu entschieden, die Wahrheit zu sagen. Es hätte sonst viele Fragen aufgeworfen. Wir essen immer alle gemeinsam zu Mittag – das Essen danach würde anders sein, ich würde eine Weile auf der Arbeit fehlen und vielleicht würde es mir am Anfang nicht so gut gehen. Ich wollte offen sein. Gottseidank waren die Verantwortlichen auf der Arbeit genauso offen der OP gegenüber, wie ich mir das erhofft hatte und sie sagten mir ebenfalls Unterstützung zu. Wir schauten gemeinsam nach einem günstigen Zeitpunkt und dementsprechend konnte ich dann die OP planen. Eine wirklich schöne Rückmeldung habe ich von einer Kollegin bekommen. Ich hatte ihr von der OP und dem Wie und Warum erzählt und sie freute sich für mich. Am Abend schrieb sie mir eine Nachricht, die mich total freute: Sie fände es mutig, wie ich mit meiner Geschichte umgehe und ich sei eine starke Frau. Sie sei sehr froh, mich zu kennen.

Solche Nachrichten und viele, viele weitere nette Reaktionen und “Geständnisse” von manchen Leuten haben mich total bestärkt. Ich muss wirklich sagen, dass mein Umfeld durchwegs positiv auf die OP reagiert hat und meine Entscheidung mein gesamtes Umfeld mit einzuweihen sehr, sehr richtig war. Ich glaube, dass es auch für “danach” Vorteile haben kann. Ich gehe jetzt mit meiner Krankheit so offen um wie nie und ich möchte die OP nutzen meine Hormone zu “resetten”. Ich werde aber auch danach sicher das ein oder andere Mal Hilfe benötigen und darf nicht mehr den Fehler machen alles nur mit mir alleine auszumachen und mich zu verkriechen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Probleme meist dann weniger wurden, wenn ich mich jemandem anvertraut habe und Unterstützung bekommen habe. Diese Tatsache sollte ich nun erst recht nach der OP nutzen und bei Problemen um Unterstützung bitten. Und nachdem ich so viel positiven Zuspruch seitens meines Umfeldes für die Entscheidung bekommen habe, würde es mir sicher leichter fallen bei eventuellen Problemen mit Vertrauenspersonen zu sprechen.

Fotoquelle: Pixabay

 

Next:

Episode 4 – Informationsflut, Selbstdisziplin und der Aufbau eines Netzwerks: Meine individuelle OP-Vorbereitung

 

Vorherige Beiträge:

Adipositas und Adipositaschirugie in Österreich – ein paar Zahlen.

Projekt Unbeschwert: Episode 2

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