Projekt Unbeschwert – Episode 2

Projekt Unbeschwert – Episode 2

Der Weg von der Entscheidung bis zur OP-Freigabe: Über Ärzte, Adipositaszentren und Gutachten

Hallo liebe LeserInnen!

Nachdem Sie ja im letzten Beitrag mehr darüber erfahren haben, wie es zum Entschluss für die bariatrische OP gekommen ist, erfahren Sie in diesem Beitrag etwas darüber, welche Schritte und Untersuchungen notwendig sind, um so eine OP überhaupt von der Krankenkasse genehmigt zu bekommen.

Mit dem Entschluss für die OP im Kopf ging es als Erstes zu meinem Hausarzt. Er ist ein Hausarzt, wie er im Buche steht, einfach toll. Immer ein offenes Ohr und ein riesiges Repertoire an Fachärzten, an die er überweist. Ich berichtete ihm also von meinem „Problem“ und erzählte von dem Wunsch mich operieren zu lassen. Er war auf meiner Seite und stimmte mir zu, dass es so nicht weiter gehen konnte. Ich verließ die Praxis mit einer Adresse für ein Spital in Wien, die eine Adipositasambulanz haben und sehr erfahren sind bei der Durchführung solcher OPs.

Zwei Wochen später hatte ich den Termin. Vorher hatte mich schon ein wenig in das Thema eingelesen und mich über die unterschiedlichen OP-Methoden informiert. Der Termin selbst war relativ unspektakulär und ich war fast schon etwas enttäuscht. Nachdem ich kurz meinen „Werdegang“ beschrieben hatte, riet man mir zu einem so genannten Omega-Loop Bypass, auch „Mini-Bypass“ genannt. Außerdem bekam ich einen DIN A4 Zettel voller „Aufgaben“, die ich zu erledigen hatte, bevor ich zur Krankenkasse gehen konnte, um die OP zu beantragen. Zudem bekam ich die Auflage, dass ich bis zur OP noch 5kg abnehmen sollte.  Aufgeregt verließ ich das Spital und hatte 1000 Gedanken im Kopf, wie es weiter gehen sollte und wo ich anfangen sollte. Immerhin arbeite ich Vollzeit und es war schon einiges zu erledigen.

Zuvor ging es jedoch noch einmal zurück zum Hausarzt, der mir eine Menge Überweisungen zu Fachärzten gab: Zum Ultraschall und Röntgen, zum Kardiologen, zur Magenspiegelung, zum Lungenfunktionstest  und in ein Labor. Neben der Abklärung der „Hard Facts“ sind aber im Rahmen der Genehmigung noch zwei weitere Termine von großer Wichtigkeit: Der Termin bei einem Psychologen/einer Psychologin und bei einer zertifizierten Diätologin (nur zertifizierte und bei der Krankenkasse gelistete DiätologInnen dürfen ein solches Gutachten ausstellen). Beide müssen ein (objektives) Gutachten erstellen und darlegen, was für oder auch gegene eine Operation spricht.

In manchen Spitälern werden all diese Untersuchungen im Haus selbst gemacht, bei mir fanden die Termine alle extern statt. Beim Termin mit dem Arzt, der mir die Magenspiegelung machen sollte, erlebte ich jedoch eine böse Überraschung. Eine Magenspiegelung ambulant ist auch mit einer kurzen Betäubung möglich, dies konnte bei mir jedoch auf Grund des vielen Übergewichts nicht mehr gemacht werden. Außerdem sei es fraglich, ob seine Liege mich aushalten würde, meinte der Arzt. Alles nachvollziehbare Fakten und Faktoren, dies wurde jedoch in einer Art und Weise hervor gebracht, dass dies mehr als erniedrigend war. Dies ist leider ein Faktum, mit dem sehr übergewichtige Menschen immer wieder konfrontiert sind: Das Reduzieren der eigenen Person nur auf das Gewicht. Nicht nur im gesellschaftlichen Leben, sondern auch bei ÄrztInnen. Dabei würde man sich gerade von ihnen in Hilfestellungen und Beratung wünschen. Alle Leiden und Beschwerden kommen laut vieler ÄrztInnen nur vom Gewicht und eventuelle andere Ursachen werden erst gar nicht in Betracht gezogen. Dies mag in vielen Fällen stimmen, jedoch nicht in allen und umso schwieriger ist es für uns PatientInnen, ÄrztInnen zu vertrauen.
Die Art und Weise, wie der Arzt mit mir gesprochen hat veranlasste mich dazu, ihm den Rücken zu kehren. Ich spürte förmlich, wie ekelhaft oder abstoßend er mich fand und diesem Arzt wollte ich nicht ausgeliefert sein, wenn er mir eine Kamera in den Magen schiebt.
Gottseidank war mein Hausarzt da, er hatte wieder einmal die richtige Arztempfehlung und dieser Arzt nahm mich als Patientin so an, wie ich war und schien nicht pauschal über mich zu urteilen. Zumindest gab er mir nicht das Gefühl.

Gespannt war ich auf das Gespräch mit der Psychologin und der Diätologin. Beim psychologischen Gespräch geht es vor allem darum herauszufinden, ob man an der so genannten Binge-Eating Störung (oder anderen Essstörungen) leidet, was ein Grund für eine Ablehnung einer OP sein kann. Auch geht es um die Abklärung der Ursachen für das hohe Übergewicht. Da ich ja bereits einiges an Erfahrung mit PsychologInnen gemacht hatte, ging ich relativ relaxed dorthin. Was ich dort jedoch vorfand, schockte mich. Das ganze „Gespräch“ mit der Psychologin dauerte lediglich 10 Min. Die einzigen Fragen, die mir gestellt wurden waren, wie groß und schwer ich war und ob ich irgendwelche Vorerkrankungen habe. Die Fragen des Leitfadens über die Gründe der Adipositas und dem Erforschen ob eine Binge-Eating Störung vorhanden ist, beantwortete sie selbst, ich wurde gar nicht danach gefragt. Schwups war das Gespräch auch schon fertig, ich wurde noch gebeten, ich solle mich doch einige Zeit nach der OP noch einmal melden, dann könne man ja noch einen Kaffee trinken, es sei immer erstaunlich wie gut die Leute abnehmen würden. Rechnung über 120€ und draußen war ich. Ich verließ die Praxis und war äußerst irritiert. Was wäre, wenn ich nun wirklich ernsthafte psychische Probleme gehabt hätte und eine OP nicht wirklich ratsam gewesen wäre? Es wurde einzig und allein nur der Profit gesehen, alles andere war egal. Gerade bei einer Psychologin hätte ich mir etwas anderes erwartet.

Umso erfreulicher war dann aber die ernährungsmedizinische Beratung und Aufklärung. Im Internet hatte ich eine passende Diätologin für das Erstellen von ernährungsmedizinischen Gutachten gefunden. Im Vorhinein hatte ich ein Ernährungstagebuch geführt und die Gutachtenerstellung umfasste nicht nur Fragen zum aktuellen Status, sondern es fand auch eine umfassende Beratung über die ernährungsmedizinische OP Vorbereitung statt sowie eine BIA Messung, um die Körperzusammensetzung festzustellen. Und natürlich ging es auch um die Ernährung nach der OP, denn jedeR OperierteR muss sich darüber im Klaren sein, dass man seine Ernährungsgewohnheiten nach der OP radikal umstellen muss. Zum einen wird die Anatomie des Magen-Darm Trakts verändert und dies bedeutet beispielsweise, dass man Essen und Trinken trennen soll, dass man extrem gut kauen muss und sich auch im Klaren darüber sein muss, dass man sein Leben lang zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe nehmen muss. Der Körper kann nicht mehr genügend davon aus der Nahrung aufnehmen (und gerade in der ersten Zeit isst man ohnehin sehr, sehr wenig). Wenn man nicht konsequent Vitamine und Mineralstoffe einnimmt, dann besteht langfristig ein großes Risiko für grobe und gefährliche Mangelerscheinungen. Der zweite Grund ist natürlich das Thema „Was soll man essen“. Nach der OP gibt es erst einmal einen Kostaufbau, der Magen-Darm Trakt muss verheilen, die Nähte müssen verheilen und die Hormone müssen auch erst einmal mit der Umstellung klar kommen. Deshalb soll man die ersten zwei Monate nach der OP Schonkost essen, dann erst darf man zu Vollkost übergehen. Und natürlich muss man auch dann darauf achten, was man isst. Es ist sehr wichtig, dass man genügend Eiweiß zu sich nimmt, gerade beim Abnehmen ist dies sehr wichtig, damit der Körper Fett und keine Muskelmasse abbaut. Und natürlich funktioniert die Abnahme auch nur, wenn der Körper weniger Energie erhält, als er verbraucht. Mit einem radikal kleineren Magen ist das natürlich viel einfacher, nichts desto trotz sollte man sich damit auseinandersetzen, was man zu sich nimmt und hoch-kalorische und sehr fettige und süße Lebensmittel und Speisen eher meiden. Die allgemeinen Ernährungsempfehlungen waren mir natürlich bekannt, ich hoffte nur inständig, dass ich nach der OP mich konsequenter daran halten kann, als vorher. Denn Wissen ist das Eine. Umsetzen das andere. Bei diesem Teil der OP-Vorbereitung hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich richtig aufgeklärt war und fühlte mich bereit für die OP.

Es hat etwa 2 Monate gedauert, bis ich alle Untersuchungsergebnisse beisammen hatte. Dann musste ich zum chefärztlichen Dienst der Krankenkassen. Man hatte mir vorher schon signalisiert, dass es bei mir wohl überhaupt gar kein Problem sei, die OP genehmigt zu bekommen. Schließlich war mein BMI bereits jenseits der 50. Trotzdem, man weiß ja nie. Aufgeregt saß ich im Bus und fuhr meinem „Urteil“ entgegen. Nach einer Wartezeit, die mir ewig vorkam saß ich dann vor dem Arzt, er fragte noch ein paar Dinge und genehmigte mir dann die OP. Juhu!!!!! Geschafft!!!! Nun waren alle Hürden genommen und ich konnte  wieder zurück zum Spital und die nächsten Schritte planen und einen OP Termin festmachen.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich entschied, dass ich es FreundInnen und ArbeitskollegInnen sagen werde. Meine Familie hatte ich schon zu Beginn der Untersuchungen „eingeweiht“, es war mir wichtig, dass sie hinter mir standen.

Wie die Reaktion der Menschen war, denen ich das erzählte und Gedanken darüber, ob man es überhaupt jemandem erzählen sollte, das erzähle ich euch beim nächsten Mal…

 

Fotoquelle: Fotolia

 

Next: Die Gutachtenerstellung vor einer bariatrischen Operation

Vorherige Beiträge: Adipositaschirurgie in Österreich

Adipositas und Adipositaschirugie in Österreich – ein paar Zahlen.

Adipositas und Adipositaschirugie in Österreich – ein paar Zahlen.

Prävalenz von Übergewicht in Österreich

Der österreichische Ernährungsbericht 2017, frei abrufbar zB hier: www.bmgf.gv.at ergab, dass 41,0 % der untersuchten erwachsenen Bevölkerung übergewichtig bzw. adipös sind. Übergewicht bedeutet einen Bodymass Index über 25, Adipositas Grad 1 liegt vor bei einem BMI ab 30, Adipositas Grad 2 ab BMI 35, extreme Adipositas ab BMI 40. Männer sind häufiger von Übergewicht betroffen als Frauen. Am stärksten sind laut Ernährungsbericht Männer im Alter von 51- bis unter 65 von Übergewicht bzw. Adipositas betroffen (48 % bzw. 20 %). Aber auch jeder vierte 15- bis unter 25-jährige Mann ist übergewichtig und jede sechste Frau im Alter zwischen 19 bis unter 25 Jahren. Bei den 51- bis unter  65-jährigen Teilnehmerinnen ist sogar jede dritte übergewichtig (Quelle: Österreichischer Ernährungsbericht 2017, https://www.bmgf.gv.at/home/Ernaehrungsbericht2017, abgerufen am 26.09.2018).

Folgen von Übergewicht

Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Schäden am Bewegungsapparat, psychische Probleme, Kosten für die Allgemeinheit, … die Folgen sind hinlänglich bekannt und die Ausmaße steigen auf allen Ebenen. Sowohl auf der persönlichen/individuellen Ebene als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Über die „Schuldfrage“ diskutiere ich hier aus vielerlei Gründen nicht. Dazu möchte ich auf einen interessanten Artikel verweisen.

Fakt ist jedenfalls, dass ich als Diätologin mit der Thematik Übergewicht und Adipositas sehr häufig konfrontiert bin. Das ist meine Arbeit, mein Hauptthema, und es macht mir große Freude mit Menschen zusammenzuarbeiten, die das Thema aktiv angehen wollen. Manchmal kommt da auch die Thematik bariatrische Operation auf. Egal wie ich dazu stehe – ich muss zugeben das wechselt ständig – sie passieren, sie werden gemacht und die Betroffenen brauchen die bestmögliche Aufklärung vorab und die bestmögliche Betreuung währenddessen und danach um gesund zu werden, zu bleiben und in ein schlankeres Leben zu starten. Der Kopf wird dabei aber nicht „mitoperiert“, der macht da sozusagen oft auch „Schwierigkeiten“ und auch daher braucht es eine Betreuung, idealerweise multidisziplinär sowie eine gute Vertrauensbasis.

Häufigkeit und Art bariatrischer Operationen in Österreich

Hier erlaube ich mir um einen Eindruck zu vermitteln, einen Ausschnitt! aus einer Tabelle einzufügen, um die Häufigkeit der bariatrischen OPs in Österreich darzustellen. Inzwischen gibt es auch neuere Daten dazu, beispielsweise „IFSO Worldwide Survey 2016: Primary, Endoluminal, and Revisional Procedures.“ DOI: 10.1007/s11695-018-3450-2, diese sind für mich allerdings nur gegen Bezahlung erhältlich und ich denke das die Zahlen unten bereits für sich sprechen.

(Quelle: Bariatric Surgery and Endoluminal Procedures: IFSO Worldwide Survey 2014, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28405878, abgerufen am 26.09.2018)

In Österreich wurden also im Jahr 2014 bereits 2553 Operationen durchgeführt. Die am Häufigsten eingesetzte Methode war dabei der RYGB, der Roux-en-y-Gastric Bypass. Kurz erklärt wird bei dieser Operation der Magen verkleinert, und zwar zu einem sehr kleinen, sogenannten „Pouch“ dessen Größe der Chirurg bestimmt. Der Pouch kann ca. 15-20ml fassen. Zusätzlich wird der Dünndarm mittels Herstellung einer Schlinge abgetrennt, hochgezogen und so verkürzt. Dadurch werden der Zwölffingerdarm und eine wiederum vom Chirurgen bestimmte Länge des Jejunum ausgeschaltet. Durch diese Maßnahmen können nur mehr sehr kleine Mengen gegessen werden (restriktiv, einschränkend). Da in diesen Darmabschnitten ein großer Teil der Nährstoffe aufgenommen wird und dies nun nicht mehr möglich ist, nennt man das Verfahren auch malabsorptiv. Je nachdem wie viel Darm ausgeschaltet wird, ist die Malabsorption stärker oder geringer. Diese Malabsorption betrifft alle Nährstoffe, sowohl die energiegebenden als auch die Mikronährstoffe.

Die nun neuen physiologischen Gegebenheiten verlangen nach der OP ein völlig anderes Ernährungsregime. Wieviel, wie oft, was gegessen wird – alles ist plötzlich verändert. Zudem muss sehr genau auf eine ausreichende Nährstoffversorgung geachtet werden, vor allem der so wichtigen Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente). Ansonsten können sehr schwere Nebenwirkungen bis hin zu einer dauerhaften Schädigung des Körpers und des Nervensystems die Folge sein.

Umfassende Betreuung ist das A & O

Am besten schon BEVOR es zu einer Operation kommt. Beim chirurgischen Eingriff wird immerhin ein eigentlich gesundes Organ zerschnippelt. Ist eine Gewichtsreduktion aber nicht mehr anders möglich,  dann darf eine kompetente, begleitende Betreuung durch zertifizierte DiätologInnen nicht fehlen. Einige KollegInnen in unterschiedlichen Krankenhäusern oder auch freiberuflich stellen sich dieser Aufgabe. In den spezialisierten Krankenanstalten stehen häufig umfassende Betreuungsangebote mit Vorträgen, Workshops, Gruppentreffen und Selbsthilfegruppen zur Verfügung – Nutzen Sie diese Möglichkeiten!

Eine Lebens- und Ernährungsumstellung vor sowie nach der Operation ist nicht immer einfach, weshalb es von großer Bedeutung ist, qualifizierte Ansprechpartner zu haben. Bei Fragen, Unsicherheiten oder aufgetretenen Problemen stehe ich Ihnen in Wien und meine Kollegin Raphaela Lebeth (https://www.diaetologie-lebeth.at) in Korneuburg gerne zur Verfügung.

 

Mag. Birgit Barilits, BSc & Raphaela Lebeth, BSc, Diätologinnen

 

Next: Projekt Unbeschwert: Episode 2

Vorherige Beiträge: Projekt Unbeschwert: Episode 1