Kinderernährung, ein Gastbeitrag von Diätologin Anna Moor, mit Einleitung von Diätologin Birgit Barilits

Neulich hat mich eine liebe Kundin kontaktiert:

„Hi…weisst was ich cool finden würde…einen Post zu übermäßigen Obstkonsum bei Babys und Kleinkindern. Ich kenne so viele Mütter die ihren Babies 2 Bananen und 2 Äpfel am Tag geben…also ich weiss nicht ob das gesund ist? Da benötigt es Aufklärung. Zucker ist Zucker. Ich würde das sofort teilen.“

Hm, ja das ist eine gute Idee und absolut wichtig!!! Manchmal denke ich zu mir selbst, muss das sein, wenn die Kinder im Wagerl sitzen und ständig Hirsebällchen, Fruchtquetschen und picksüße Keks mümmeln oder gar den „guten Apfelsaft“ aus dem Nuckelflascherl. Sagen kann ich da natürlich nix (aus verschiedenen hoffentlich nachvollziehbaren Gründen) und Blogposts zu dem Thema stehen eigentlich auch nicht auf meinem Programm.

Denn, ich hab A selbst keine Kinder, B bin ich nicht so die Diätologin für Kinder, Schwangere, Stillende 😉 – das ist einfach nicht mein Thema. Ich kenn mich wohl ein bissi damit aus, aber es ist nicht mein Herzensthema und die Routine ist auch nicht da.

ABER – es kann geholfen werden! Ich habe ja eine liebe Kollegin die das aus dem FF beherrscht. Also habe ich Anna Moor, BEd MSc nutr. med., gebeten mir da auszuhelfen und einen Gastbeitrag zu schreiben.

Wir kennen uns schon recht lange und tauschen uns immer wieder fachlich zu verschiedenen Themen aus. Anna hat in ihren Beratungen sehr viele Eltern und ihre Kinder, die an Übergewicht leiden – der Grundstein wird häufig schon gelegt, wenn die Kleinen noch nicht einmal laufen können! Das ist tatsächlich erschütternd und hier ist Sensibilisierung sicherlich wichtig.

Herzlichen Dank, dass du mir da aushilfst Frau Kollegin!

„Die Möglichkeit, einen Beitrag über (Klein-)Kinder-Ernährung zu schreiben, finde ich großartig, denn es ist mir wichtig, mit einigen Irrtümern und Märchen rundherum aufzuräumen.“ Anna Moor, Diätologin

Erstmal zu mir: ich bin seit über 13 Jahren Diätologin und arbeite seit 20 Jahren mit Eltern und Kindern. Nach meiner Matura habe ich nämlich zuerst die Ausbildung zur Mittelschullehrerin gemacht und von Anfang an in der Kinderbetreuung gearbeitet. Seitdem ich Diätologin bin, begleitet mich das Thema Kinderernährung und Ernährungserziehung, vor allem im Bereich Prävention – in letzter Zeit leider immer mehr in der Therapie von Übergewicht, Fettleber, Prädiabetes, erhöhten Blutfetten und sogar Bluthochdruck…

Über- und Fehl-Ernährung und Unter-Bewegung sind mit die Hauptgründe dafür, dass ich Erkrankungen, von denen ich während meiner Ausbildung nur im Erwachsenenbereich gehört habe, nun auch bei vielen Kindern im Volksschulalter und sogar davor behandeln muss.

Essen hat immer etwas mit Emotionen zu tun. Wer sich bei der Ernährung einmischt, tritt nicht selten in einen oder mehrere Fettnäpfe und auch ich würde mich angegriffen fühlen, wenn mich jemand belehren will. Immerhin hängt an der Ernährung und Versorgung der Kinder ein ganzes Wertesystem.
Meine Infos und Tipps sollen keine Vorwürfe sein, wenn du dein Kind anders ernährst oder ernähren möchtest.

Ernährung ist immer etwas Individuelles – nicht nur in einer Familie sondern auch bei jedem einzelnen Mitglied.
Es geht mir darum, allgemeine Unsicherheiten auszuräumen und bei Fragestellungen den Weg zum richtigen Gesprächspartner zu ebenen – ja, Omis, Tanten, Freunde meinen es gut, wenn sie Ratschläge geben. Aber die müssen nicht immer richtig liegen. Ausgebildete Ernährungsfachkräfte (Diätolog*innen, Ernährungswissenschaftler*innen) mit Schwerpunkt Kinderernährung, Programme der Krankenkasse und eure Kinderärzt*innen geben euch die richtigen Infos bzw. senden euch zur richtigen Person um komplexere Fragestellungen durchzugehen.

Nach dem Kilometer-langen Intro möchte ich drei Punkte, die mir in der Arbeit im Kinderzentrum immer wieder auffallen, anführen und meinen Input dazu geben.

Kinder brauchen regelmäßige Mahlzeiten
JA.

Besonders Kleinkinder können lange Mahlzeitenabstände à la Intervallfasten nicht gut aushalten.
Die Umgewöhnung von Milch- und Breimahlzeiten auf feste Nahrung ist eine Entwicklung. Das Sättigungsgefühl nach festen Speisen ist anders als das nach flüssig-breiigen und das müssen die Kleinen erst lernen. Deshalb kann es in dieser Phase dazu kommen, dass nur ein paar Bissen gegessen werden und die Mahlzeit beendet wird, das Kind aber nach kurzer Zeit schon wieder hungrig ist.
Eine große Veränderung ist auch, dass Essen (= Milchnahrung) nun nicht mehr gegen Hunger UND Durst hilft. Während der ersten Lebensmonate gilt nämlich „One for all“.

Wenn allerdings der Großteil der Mahlzeiten bereits als feste Speisen gegessen wird und Kinder gelernt haben, dass Essen gegen Hunger und Trinken gegen Durst hilft, ist es nicht mehr nötig, in kurzen Abständen Essen anzubieten.
Da die körperliche Entwicklung nicht gleichmäßig sondern in Schüben verläuft, ist auch das Hungergefühl nicht immer gleich. An manchen Tagen haben auch kleinere Kinder längere Pausen, in denen sie keine Nahrung brauchen. Außerdem ist die Erziehung hin zu „Mahl-Zeiten“ sinnvoll für später.

Wenn du vorhast, dein Kind in den Kindergarten und die Schule zu schicken, ist es hilfreich, wenn es schon von Anfang an lernt, dass es tagsüber Zeiträume gibt, in denen Mahlzeiten stattfinden. Die Mahlzeiten sollen auch nicht unbegrenzt dauern oder neben dem Spielen oder Handyschauen erfolgen.
Dein Kind soll erfahren, dass es Strukturen gibt, die auch die Ernährung beinhalten. Es geht nicht darum, zum Glockenschlag zu essen oder militärische Regeln einzuhalten. Aber eine Tagesstruktur hilft nicht nur uns Erwachsenen sondern auch unseren Kindern. Vor allem Kinder, die nicht untergewichtig sind, können auch schon vor dem Teenageralter ohne Zwischenmahlzeiten auskommen, wenn sie keinen Hunger entwickeln.

Kinder wissen immer, wann sie hungrig oder satt sind. Sie essen intuitiv.
NEIN.

Das gilt während der ersten Lebenswochen. Bereits mit wenigen Monaten kann Essen (Brust, Flascherl, Fingerfood) zur Beruhigung, zum Einschlafen, als Zeitvertreib oder als Zeichen der Zuwendung eingesetzt und erkannt werden. Grundsätzlich praktisch, weil es schnell helfen kann.
Auf Dauer ist es jedoch wichtig, dass du lernst zu erkennen, welches Bedürfnis dein Kind gerade hat. Essen soll kein Hobby oder eine Beschäftigung werden – die Gefahr besteht auch schon bei kleinen Kindern. Immerhin sind Lebensmittel, die uns schmecken, attraktiv und vermitteln ein Wohlgefühl. Warum sollte dein Kind also das Quetschie, Knabberzeug; Obst oder Kekserl ablehnen, wenn sie immer wieder von den Großen angeboten werden und man so dafür gelobt wird, wie brav man isst? Dieses Snacken hat zur Folge, dass „echtes“ Hunger- und Sättigungsgefühl verlernt wird, weil die Abstände zwischen der Energiezufuhr zu kurz sind um Hunger entwickeln zu können. Und wie erwähnt: leichtes Durstgefühl kann auch für Hunger gehalten werden. Biete deinem Kind immer wieder ungesüßte, zuckerfreie Getränke zwischen den Mahlzeiten an. Trinken gegen den Durst ist etwas neues, das erst geübt werden muss um es immer gut erkennen zu können. Verwende Flascherl und Trink-Lernhäferl mit Schnabel nur so lange wie nötig. Dein Kind soll aus Gläsern oder Bechern trinken.

Kinder brauchen Zucker für ihre Entwicklung.
JEIN.

Kinder brauchen Kohlenhydrate in ihrer Ernährung.
Isolierten Zucker als Zutat von Naschereien, Lebensmitteln oder Getränken brauchen sie jedoch für ihre körperliche Entwicklung nicht. Die verschiedenen Kohlenhydratarten von natürlichen, nicht oder wenig verarbeiteten Lebensmitteln sind physiologisch ausreichend.
Nun lässt sich jedoch nicht verleugnen, dass wir mit den erstgenannten (hochverarbeiteten zuckerreichen Produkten) einfach überall und von Beginn an konfrontiert werden. Zucker ist sogar schon in „Babylebensmitteln“ enthalten, auch wenn er teilweise andere Bezeichnungen trägt.
Ist Zucker also schlecht für dein Kind?

Kleine Mengen Süßigkeiten oder Mehlspeisen schaden deinem Kind nach dem 1. Lebensjahr nicht. Davor sollte mal die Einführung von „normalem“ Essen auf dem Plan stehen. Versuche, deinem Kind einen bewussten Umgang mit Naschereien (auch selbstgebackenen) beizubringen. Das klappt aber nur, wenn du selbst auch so damit umgehst. Wenn du täglich naschst oder snackst, wird dein Kind kaum verstehen, warum das für Kinder nicht erlaubt ist.
Süßigkeiten und Snacks sind eine Ergänzung der üblichen Ernährung  – kein Ersatz dafür. Wenn dein Kind also „auf den Geschmack“ kommt und die regelmäßigen Mahlzeiten ablehnt um stattdessen naschen zu können, ist es entscheidend, wie du damit umgehst.

Ernährungserziehung ist ein Teil der Erziehung und du errichtest die Basis für das Gesundheits- und Ernährungsbewusstsein deines Kindes. Das hängt auch sehr davon ab, wie der Rest der Personen, mit denen dein Kind häufig Umgang hat, damit umgeht. Du hast einen großen Einfluss auf dein Kind.

Versuch dir die folgenden Fragen bereits früh zu beantworten:

  • Welchen Stellenwert hat Essen und Trinken?
  • Wie möchten wir gerne als Familie essen?
  • Legen wir Wert auf gemeinsamen Mahlzeiten?
  • Essen wir eher auswärts?
  • Kochen wir selbst?
  • Wie, was und wo kaufen wir ein?
  • Wie möchte ich von meinem Kind wahrgenommen werden?